I. “Gott ist ein Einziger”

Eine der wichtigsten Suren des Koran ist unbestritten Sure 112, die den Namen al-Ikhlas trägt, übersetzt mit der Glaube ohne Vorbehalt.

In der Übersetzung von Rudi Paret lautet die Sure al-Ikhlas:

Sag: Er ist Allah, ein Einziger,
Allah, der souveräne (Herrscher).
Er hat weder Kinder gezeugt, noch ist er (selber) gezeugt worden.
Und keiner kann sich mit ihm messen.

Diese Übersetzung ist nicht schön. Aber wissenschaftlich weitgehend korrekt, obgleich auch Paret zuweilen interpretierte. Immerhin, hält man sich an seine Übersetzung, ist man einigermaßen auf der sicheren Seite.

Al-Ikhlas umreißt den Grundpfeiler des Islam, einen strengen Monotheismus. Das sagt auch schon das Wort Allah aus. Es ist eine Zusammensetzung aus dem altarabischen Wort für Gott „lah“, ein Gott, irgend ein Gott, denn die vorislamischen Araber waren, überwiegend Polytheisten, und dem Artikel „al“; zusammen „der Gott“. Tatsächlich sprechen die meisten Muslime, wenn sie in Deutsch über ihre Religion sprechen, nicht von Allah, sondern von „dem Gott“. Und „Der Gott“ ist selbstverständlich genau der, den auch andere verehren, vor allem Juden und Christen. Für den Islam gibt es also keinen jüdischen, christlichen oder arabischen Gott, sondern nur einen einzigen für alle.

Es gibt also auch keinen Gott Israels, denn Gott war immer für alle da und wer behauptet, Gott sei aber speziell für sein Volk da und würde es bevorzugen, der verfälscht eben die Religion.

Klarer noch die Absage an das Christentum: Gott ist kein Mensch, ihm ist nichts gleich, also hat Gott auch nicht gezeugt. Jesus in allen Ehren, aber Gottes Sohn ist er nicht.

Der im 7. Jahrhundert entstandene Islam ist damit tatsächlich moderner als Judentum und Christentum, denn er hat sich vom antiken Erbe weitgehend gelöst. Im Islam ist Gott weder ein Stammesgott, wie ihn jeder Stamm und jede antike Stadt hatte, auch Mekka und eben auch die Juden, noch auch Teil eines Pantheons wie bei den späten Römern mit göttlicher Familie und mächtigem Gegengott, dem Satanas. Es gibt nur den einen Gott, mit dem sich niemand messen kann, weswegen eben auch niemand seine Schöpfung in die Verdammnis führen kann, aus der der gute Gott sie dann liebevoll vermittels Opferung eines von ihm gezeugten Sohnes retten muss. Ein solcher Gedanke ist dem Islam vollkommen fremd.

Unklar ist der 2. Vers, „Allah der souveräne (Herrscher)“. Hier wird Parets Übersetzung interpretierend. Andere aber auch, denn was mit „as-samad“ gemeint ist, darüber streiten sich die Geister. Der, der fest ist? Der, an den man sich wendet? Der, der unveränderlich in sich selbst ruht? Damit haben wir schon mal ein Beispiel, dass im Koran mitnichten alles so klar ist, wie es manchem erscheinen mag und genau an solchen Unklarheiten wuchs die islamische Theologie und Philosophie. Denn um Unklarheiten zu beseitigen, braucht man nun einmal seinen Verstand, da genügt reiner Glaube nicht. Und der Ausdruck „der fest ist“ hat natürlich gerade die islamischen Philosophen angezogen, erinnert er doch stark an griechische Philosophie, an Parmenides unveränderlich in sich selbst ruhendes Sein, mehr noch an Aristoteles’ unbewegten Beweger. Gar so weit her geholt ist das nicht, denn Mekka, wo Mohammad aufwuchs und ein Großteil seines Lebens verbrachte, lag am Rand des byzantinischen Einflussgebietes, in dem griechische Philosophie erheblich mehr Einfluss hatte und auch weit mehr geachtet wurde als im römisch-katholischen Bereich. In 1.000 Jahren waren viele ihrer Gedanken in die Vorstellungen der damaligen Menschen des byzantinischen Großraums eingeflossen. Solche Vorstellungen waren mit Sicherheit auch Mohammad auf seinen Karawanenreisen vor allem ins byzantinische Syrien begegnet.

„Sag“ oder „Sprich“ steht am Anfang der Sure. Das steht am Anfang vieler Suren. Denn der Koran ist ein Vortrag, anders als die Tora oder die nieder geschriebenen Evangelien oder gar Apostelbriefe. Und wenn die Urschrift des Koran bei Gott ist, so heißt das noch lange nicht, dass nach islamischem Glauben Gott ein Buch mit sich herum schleppt. So wenig, wie Gott menschengleich ist, ist der Koran buchgleich im konkreten, förmlichen Sinne. Hier werden Bilder gemalt, Metaphern, eine Kunst, die heute von vielen kaum noch verstanden wird, die sich aber auch vor allem in der Poesie findet.

Und das ist der Hauptgrund, warum der Koran tatsächlich unübersetzbar ist: er ist auch ein poetisches Werk, in Reimprosa. Ein Übersetzer muss sich also entscheiden: entweder, er fertigt eine wissenschaftliche Übersetzung an, wie die von Rudi Paret eine ist, die ist dann freilich holperig und die Wirkung, die Reime und Versmaß nun mal haben und die Beziehungen, die durch sie zu den Inhalten geknüpft werden, fallen weg. Oder aber er versucht den Geist des Werkes zu übersetzen – eine solche Übersetzung ist dann aber wissenschaftlich nicht mehr brauchbar.

Zudem muss man dazu ein Dichter sein, wie Rückert einer war, berühmt geworden durch die von Gustav Mahler vertonten Kindertotenlieder. Rückert hat große Teile des Koran unter weitgehender Beibehaltung von Reimen und Versen übersetzt und seine Übersetzung wird auch von Islamwissenschaftlern immer als Ergänzung empfohlen, um einen Eindruck zumindest erahnen zu können, warum der Koran eine solche Faszination auf arabisch Sprechende ausübt.

Hier also die Sure 112, al-Ikhlas, in der Übersetzung von Friedrich Rückert:

Sprich: Gott ist Einer,
ein ewig reiner,
hat nicht gezeugt und ihn gezeugt hat keiner,
und nicht ihm gleich ist einer.

Folgt II.: Die Einheit als politisches Prinzip

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