Die Einheit als politisches Prinzip

Die Sure al-Ikhlas schreibt das Grundprinzip des Islam fest: die Einheit, Tawhid. Es durchzieht die gesamte islamische Kultur bis in die Politik hinein.

Natürlich bedeutet Tawhid viel mehr, als dass es nur einen Gott gibt, der unteilbar ist. Durch ihn ist auch die Menschheit, ja, die ganze Welt eine Einheit. Der koranische Satz „Gott ist dir näher als deine Halsschlagader“ wird so aufgefasst, dass nichts ohne Gottes Willen existiert, also auch nicht das einzelne Individuum, das, insofern es ist, dies nur durch das göttliche Sein ist. Von daher hat ein Mensch nicht achtlos vom Menschen zerstört zu werden. Von Notwehr abgesehen gibt es nur zwei aus religiösen Gründen legale Wege, einen Menschen zu töten: aufgrund eines ordentlichen Gerichtsurteils – oder im Krieg.

Woraus mit Fug und Recht geschlossen werden darf, dass Ekelhaftigkeiten wie die sogenannten Ehrenmorde nach islamischem Recht tatsächlich Verbrechen sind, ebenso wie Terrorakte oder das Halsabschneiden durch den IS. Denn ein ordentliches islamisches Gericht ist nicht so etwas wie das altgermanische Dorfthing, sondern eine Angelegenheit, die von Juristen betrieben wird; die islamische Rechtswissenschaft ist nicht weniger ausgefuchst und komplex als unsere deutsche. Jemandem wie dem Journalisten Foley den Hals abzuschneiden wäre mit Sicherheit von keinem ordentlichen islamischen Gericht gebilligt worden. Was erklären mag, warum Muslime sich von diversen Distanzierungsaufrufen so genervt fühlen. Der Islam ist eine priesterlose Gesetzesreligion und wenn, was die Sunna betrifft, die wie ein Verfassungsgericht fungierende el-Azhar-Universität per Rechtsgutachten solche Terrorakte und Tötungen durch den IS für rechtswidrig erklärt, dann bedarf es nun mal keiner weiteren Distanzierungen.

Die Einheit der Menschheit hat politische Konsequenzen. Denn obwohl es unter den Muslimen wie bei allen Menschen durchaus rassistische Anwandlungen gibt, ist ein als Biologismus ideologisierter Rassismus, wie ihn die Nazis propagierten, für einen in der islamischen Kultur Aufgewachsenen schlichtweg undenkbar. Im Islam wird die Menschheit nach Muslimen und Nichtmuslimen unterschieden und darüber, ob einer zu den Muslimen gehören will oder nicht, kann jeder selber entscheiden. Alle anderen Unterschiede sind zweitrangig und haben vor Gott ohnehin keine Bedeutung.

Nichts desto trotz kam es nach dem Tod Mohammads relativ schnell zu Spaltungen.

Mohammad selbst hatte sich offenbar ganz bewusst nie um seine Nachfolge gekümmert. Aus dem Kontext von Koran und Überlieferung ergibt sich, dass er vor allem um die Verfälschung des Islam durch selbsternannte Propheten fürchtete. Also klopfte er fest, dass er der letzte aller Propheten sei und nach ihm keiner mehr käme, da die Offenbarung nunmehr vollständig sei und überließ die Wahl seines Nachfolgers wie auch die zukünftige Auslegung des Koran seiner Gemeinde. Die ersten drei Kalifen wurden denn auch gewählt und ihre Zeit gilt den Muslimen auch heute noch als das golden Zeitalter des Islam.

Mit dem 3. Kalifen Osman begann aber schon der Ärger. Der nämlich hatte eine recht raffgierige Verwandtschaft, was nach Ansicht der Muslime der Intention des Islam nicht entsprach. Am Ende wurde Osman umgebracht und mancher verdächtigte Ali, dabei seine Hände im Spiel gehabt zu haben.

Ali wurde per Akklamation seiner Anhänger zum Kalifen bestimmt, allerdings nicht von allen anerkannt. Speziell von denen nicht, die man heute wohl Linksextremisten nennen würde. Ihrer Meinung nach könne man auf gar keinen Fall behaupten, als Schwiegersohn und Neffe Mohammads habe Ali einen dynastischen Anspruch auf das Kalifenamt. Dem Islam zufolge könne auch ein schwarzer Sklave zum Kalifen gewählt werden. Er müsse nur als der Frömmste anerkannt sein, weitere Qualifikationen seien nicht nötig. Der Streit endete damit, dass diese Minderheit die Gemeinde verließ und als die Ausgezogenen, die Kharidjiten die erste Abspaltung vom Islam bildete. Zwar haben die ehemaligen Kharidjiten sich längst vom Extremismus abgewandt, doch der Name hielt sich, ebenso wie die Erinnerung an den Extremismus. Extremistische Abspaltungen kamen in der islamischen Geschichte immer wieder mal vor, am berühmtesten die Assassinen, so berüchtigte politische Mörder, dass die französische Sprache das Wort „asssassin“ für politischen Mord aufnahm. So gesehen erscheint der IS als nichts Außergewöhnliches in der islamischen Welt – die allerdings auch die historische Erfahrung hat, dass solche Gruppierungen höchstens mal eine Generation überlebt haben und keine dauerhafte Erscheinung sind. Auch der IS wird heute von zahllosen Muslimen Kharidjiten genannt, diejenigen, die von der großen Gemeinde ausgezogen sind, sich von ihr abgesetzt haben. Und das gilt unter dem allumfassenden Prinzip Tawhid alles andere als positiv.

Die Kharidjiten machten ihrem zweifelhaften Extremismus-Ruf ‘Ehre’, einer von ihnen brachte Kalif Ali um. Damit endete die demokratische Verfasstheit des islamischen Staates, denn zum Nachfolger schwang sich ausgerechnet einer aus der korrupten Verwandtschaft des 3. Kalifen auf, der um des Friedens willen sogar von Alis Sohn akzeptiert wurde – im Gegensatz zum nachfolgenden Kalifensohn Yazid, der ein ziemlich schlimmer Finger gewesen sein muss und die dann blutig niedergeschlagene schiitische Rebellion provozierte, mit der die Abspaltung der Schiiten endgültig vollzogen war. Ein Schisma, das unter dem Prinzip Tawhid immer noch als Versagen schmerzlich empfunden wird. Freilich lernte man, sich damit zu arrangieren. Sunniten und Schiiten anerkennen sich gegenseitig als Muslime und gehen sich aus dem Weg. Natürlich gilt so etwas nie für religiöse Extremisten, die sich beide gegenseitig gerne zu Ungläubigen erklären oder, schlimmer noch, zu vom wahren Islam Abgefallenen – und berufen sich dann darauf, vom Islam Abgefallene habe man zu töten. Insbesondere in den ersten Jahren der Islamischen Republik in Iran gab es dort extremistische Gruppierungen, mit denen Khomeini durchaus sympathisierte, die von der Eroberung der gesamten islamischen Welt und der Errichtung eines islamischen Einheitsstaats durch die Schia träumten; umgekehrt bezeichnen die salafistisch-wahabitischen Extremisten des IS die Schiiten als üble Teufelsbraten und trachten danach, die Einheit der islamischen Gemeinde wieder herzustellen, indem sie alle, die nicht zu ihrer Sekte gehören, im Zweifel umzubringen suchen.

Um diese Ereignisse muss man auch heute noch wissen. Das Streben nach staatlicher Einheit, nach Überwindung der vom Kolonialismus geschaffenen Grenzen hat auch Nasser schon angetrieben, wie auch diverse innerarabische Versuche, Konföderationen zu bilden. Ebenso aktuell ist aber auch der egalitäre soziale Ansatz des Islam geblieben, der keine politischen Privilegien für Eliten vorsieht. Er manifestiert sich im Ruf „Allahu akbar“ der Sozialrevolutionäre, kaum verständlich für das christlich geprägte Abendland mit seinem „Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist“; im Gegensatz zum im römischen Kaiserreich entstandenen Christentum entstand der Islam in einer Stadtrepublik. Da gab es, wie im europäischen Mittelalter, elitäre Patrizier, die sich von Mohammads Lehre in Frage gestellt sahen, der das Wahl- und Mitbestimmungsrecht der Patrizier auf sämtliche Bürger ausweitete, doch einen Kaiser gab es nicht. Wenn auch insbesondere die türkischen Sultane sich ähnlich gerierten, auf den Islam konnten sie sich dabei nicht als ideologischen Rückhalt berufen und es ist mehr als ein Symbol, dass bei ihrer Beerdigung auch die Potentaten vom Golf in ganz normale, einfache Leichensäcke gesteckt werden, denn im Tod sind sie auch nicht mehr wert als ihre Sklaven. Politisch steht also der Islam auf einer Position, die genau das Gegenteil zum Christentum ist, weswegen man gerade bei eher sozial gesonnenen Muslimen auch wenig Verständnis für die ebenso verständnislosen Säkularisationsforderungen findet, bedeutet das doch, in ideologischen Buzzwords gesagt, sich des Islam als der schärfsten Waffe im antikapitalistischen Kampf um Gleichheit, Gerechtigkeit und Mitbestimmung zu entledigen. Dass, was diese Säkularisierungspropaganda betrifft, aus der traumatischen Erfahrung mit westlichem Kolonialismus der Schritt zu entsprechenden VT’s nahe liegt, dürfte sich von selbst verstehen.

Wie aktuell die Auseinandersetzung um diese Prinzipien auch heute noch ist, zeigt ein IS-Propagandavideo von November 2015. „Wir sind kompromisslos in unserem Ruf zur Einheit“ heißt es da, und damit ist natürlich Tawhid gemeint. Wenn der IS dabei auch gegen die im Sykes-Picot Pakt zwischen Großbritannien und Frankreich abgemachten Kolonialgrenzen und gegen Nationalismus spricht, dann sollte auch klar sein, dass er sein islamisches Kalifat als von der islamischen Lehre befohlen anzuerkennen verlangt. Das ist allerdings nicht mit der islamischen Lehre zu begründen, die nicht nur von Einheit spricht, sondern auch von der anzuerkennenden Vielheit in der Einheit, die das Toleranzgebot begründet. Aber davon mag ein ander Mal mehr gesagt werden.

Die Rolle der Kharidjiten, die von außerhalb der islamischen Gemeinde diese zu erobern trachten, scheint dem IS allerding zu pass zu sein. Denn er spricht auch davon, dass es unter ihm keinen Unterschied zwischen Araber und Nicht-Araber, Schwarzen und Weißen zu geben habe. Nun, das kennen wir inzwischen: es ist die alte kharidjitische Parole vom kaliftauglichen schwarzen Sklaven.

Siehe auch I.: Gott ist ein Einziger

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